Spielbericht von der Stadiontour = West Ham vs. Preston North End

Der Artikel erschien in der Westfalenpost.

Von Nadine Schwermer

Heinsberg. Was sollen eingefleischte Fußball-Fans an einem Samstag ohne Bundesliga machen? Ganz einfach: sie fliegen nach London und schauen sich dort ein Match an. So geschehen am vergangenen Samstag. Exklusiv durfte die Westfalenpost den Fanclub „Iron Hammers Germany (heute West Ham Supporters Germany)“ nach London begleiten, um sich dort die Partie West Ham United gegen Preston North End anzuschauen. Es versprach ein langer und spannender Tag zu werden und die Erwartungen erfüllten sich in jeglichen Hinsicht. Von Köln/Bonn startete morgens das Flugzeug mit dem Ziel London/Stansted. Kaum im Flieger landete die Maschine bereits wieder und entgegen aller Vorurteile präsentierte sich die Wetterlage in England angenehmer als in „good old Germany“: es regnete nicht. Die Zeit rief zur Eile auf, um noch an die heißbegehrten Tickets von West Ham United zu gelangen. Da half auch die Stunde Zeitverschiebung nichts, die U-Bahn konnte die Fans nicht schnell genug ans Ziel bringen. Und dann endlich: das Stadion baute sich in all seiner Größe vor uns auf. Auch wenn ein Unwissender in diesem geschäftigen Viertel wohl kaum ein Stadion erwartet hätte, es thronte vor uns: der Upton Park von West Ham United. Einer Mannschaft, die zur Zeit in der Nationwide League Division One spielt, zu deutsch: in der zweiten Bundesliga. Spieler wie Rio Ferdinand oder Frank Lampard spielten schon für West Ham, einem Arbeiterclub aus London. Die frühe Anreise zum Kartenkauf machte sich bezahlt. Die Plätze konnten noch ausgesucht werden und es blieb uns genug Zeit sich dem Zweitwichtigsten an diesem Tage zu widmen. Der Fanshop öffnete seine Pforten und wurde genauestens unter die Lupe genommen. Mit Trikots war der deutsche Fanclub schon ausreichend bestückt, aber Schals mussten erworben werden. Dass die CD des Clubs mit dem sagenumwobenen „Bubbles-Song“ ausverkauft war, musste weggesteckt werden mit der Option, das Liedgut auch über Internet von zuhause aus bestellen zu können. Die Zeit verrann und der Platz vor dem Stadion füllte sich mit weinroter Stimmung- den Farben von West Ham. Da machte es sich bezahlt, dass die Tickets im Vorfeld gesichert waren, denn die langen Warteschlangen waren überwältigend. Und da bestätigte sich die weitverbreitete Meinung: wenn die Engländer auch kulinarisch nicht jedermanns Geschmack sind, aber gesittet in einer Schlange zu stehen haben sie einfach drauf. Ein letztes Getränk in der Wartehalle und schon mussten die Sitzplätze angesteuert werden. Insgesamt passen 35000 Fans in den Upton Park- an diesem Tag fanden 28777 den Weg zu West Ham. Der Anpfiff kam und es gab kein Halten mehr auf den Zuschauerrängen. Noch fasziniert davon, dass sich keine trennenden Zäune zwischen Fans und Spielgeschehen auftürmen, legten West Ham United und Preston North End sofort los. Hier trat der Tabellensiebte West Ham gegen den Achten der First Division, Preston North End an. Ein weit ausgefeilteres Liederrepertoire als es in Deutschland jemals der Fall sein wird schlug uns entgegen. Und auch wenn wir zwei Drittel des Textes nicht verstehen konnten, erkannten wir gleich, dass sich die Lieder in zwei Kategorien einordnen ließen. Entweder feuerten die Fans ihr Team lautstark an oder aber der Preston-Fanblock wurde aufs übelste beschimpft- ganz abgesehen von obszönen Gesten, die keine Zweifel offen ließen. Das Spiel selbst ließ sich mit einer Floskel treffend charakterisieren: himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Nach der 1:0-Führung für West Ham United hatten sich die Fans auf einen unangefochtenen Sieg eingestellt. Doch die Freude wurde in der zweiten Halbzeit jäh zerstört. Preston kam auf 1:1 heran und markierte wenige Minuten später den 1:2-Endstand. Dennoch war dieser Stadionaufenthalt ein unvergessliches Erlebnis. Selten hatte der deutsche Fanclub „Iron Hammers Germany“ so wenige Spielunterbrechungen gesehen. Der Schiedsrichter ließ kleinere Zusammenstöße oder Trikotvergehen gelassen weiterlaufen, der Spielfluss nahm kaum Abbruch. Da war es schon weit bemerkenswerter mit welchem Kommentar der Rückpass zum eigenen Torwart von den englischen Fans versehen wurde: „Go to germany“, eine nicht ganz falsche Einschätzung. Das Spiel ging dennoch verloren und für uns  hieß es nach dem Abpfiff wiederum Beeilung, denn es war ein langer Weg zurück. Schließlich sollte noch am gleichen Abend der Flieger in die Heimat erreicht werden. Zu unserem Unmut hatten auch viele englische Fans die Absicht per U-Bahn nach Hause zu gelangen. Vor wenigen Stunden noch über die langen Schlangen gelacht, befanden wir uns schlagartig selbst in einer solchen Warteschleife, immer mit dem Blick auf die Uhr. Umsteigen, wieder warten, hoffen, dass unser Taxi auch vor dem Bahnhof steht, das waren die letzten Eindrücke von London. Dann musste der Taxifahrer noch unvermittelt instruiert werden sein bestes zu geben, um pünktlich wieder am Flughafen anzukommen. Der straffe Zeitplan konnte eingehalten werden und nach dem Einchecken in Stansted, beruhigten sich unsere Gemüter. Das Interesse der Engländer an uns war berauschend. Egal durch welche der endlosen Kontrollen wir auch mussten, wir wurden mit Fragen überrollt woher wir kommen, wie West Ham gespielt hat und so weiter. Selbst einen deutschen Arsenal London Fan trafen wir an, der uns dann auch gleich als „Hardcore-Fans“ bezeichnete, da wir allein für ein Spiel die weite Reise angetreten hatten. Aber all der Aufwand hatte sich gelohnt. Was ist schon die Tower Bridge oder der Big Ben im Vergleich zu der faszinierenden Stimmung in einem englischen Stadion. Nur unseren Zeitplan werden wir bei der nächsten Reise überdenken- und die kommt bestimmt.